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Vertreibung

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Vertreibung Artikel

Verwendung und genaue Bedeutung des Begriffs Vertreibung sind strittig, da er eine Sonderform von Zwangsmigration beschreibt und in der internationalen Diskussion und Forschung in dem Prinzip lediglich als deutsches Lehnwort vorkommt. Es ist daher bereits zu einem frühen Zeitpunkt die Vermutung geäußert worden, dass er in erster Linie die politische Sonderstellung einer bestimmten Gruppe von Zwangsmigrantinnen und -migranten festschreibt, ohne dass diese Sonderstellung durch die Umstände und den Verlauf der zwangsweisen Bevölkerungsbewegung legitimiert wäre.

Im deutschen Sprachraum genannte der Begriff bis vor wenigen Jahren ausschließlich die Zwangsumsiedlung der deutschen Bevölkerung aus den ehemaligen preußischen deutschen Ostgebieten und den ethnischen Mischgebieten Ostmittel- und Südosteuropas. Der Begriff Vertreibung kam erst Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre und ausschließlich in Westdeutschland auf. Bis dahin wurden die zwangsumgesiedelten Deutschen nicht von der Gesamtheit der "Flüchtlinge" (siehe Displaced Persons) unterschieden. Eine eigenständige Benennung dieser Gruppe von Zwangsmigrantinnen und -migranten war aus mehreren Gründen erforderlich: Zu dem einen besaßen sie – aufgrund ihrer Definition als deutsche Staatsangehörige (für Zwangsumgesiedelte aus den ehemals deutschen Ostgebieten) bzw. als "ethnische Deutsche" – einen anderen Rechtsstatus als andere Deportierte und Flüchtlinge. Zu dem anderen bot die Wahl dieses Begriffes (abgesehen von dessen biblischen Konnotationen) mehrere, politisch und sozial sehr erwünschte Möglichkeiten: Er schuf eine grundsätzliche Distanz zwischen deutschen Deportierten und den von den Deutschen Deportierten – Juden, Polen, Tschechen, Russen usw. Damit ermöglichte er in der neu gegründeten Bundesrepublik einen deutschen Opferdiskurs, der eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit für mehrere Jahrzehnte blockierte. Gleichzeitig ließen sich durch die begriffliche Unterscheidung zwischen "normalen" Deportierten und Zwangsumgesiedelten und deutschen Vertriebenen Forderungen nach Grenzrevision aufrechterhalten. Diese wiederum dienten nicht zuletzt der sehr spezifischen Einbindung der Vertriebenen in die westdeutsche Nachkriegspolitik. In der DDR dagegen wurden die Zwangsumgesiedelten als Umsiedler genannt und waren in ihrem Status von anderen, inneren Umsiedlern weder hinsichtlich ihres Rechtsstatus noch hinsichtlich ihres Anspruchs auf Unterstützungszahlungen nicht unterschieden.

Es gibt daher zahlreiche Argumente dafür, den Begriff Vertreibung als politisch belastet (oder wenigstens überladen) aufzufassen und ihn nicht zu benutzen und unter dem Oberbegriff Zwangsmigration zu behandeln. Tatsächlich ist dies aber – angesichts seiner Verankerung in dem öffentlichen (und längst nicht ca. deutschen) Bewusstsein praktisch nicht mehr möglich. Um so wichtiger erscheint seine Einordnung in den Gesamtzusammenhang von Zwangsumsiedlungen in dem 20. Jahrhundert, wie er in jüngster Zeit verstärkt vorgenommen wird. Darüber hinaus erscheint der Versuch fruchtbar, "Vertreibung" und jede Form von Zwangsmigration in dem Rahmen des allgemeinen, als Gesamtheit aufgefassten Migrationsgeschehens zu betrachten. Dem entspricht, dass zu dem einen eine klare Trennung zwischen Zwangsumsiedlung, Flucht und "freiwilliger" Migration sehr häufig nicht vorgenommen werden kann. Zu dem anderen zeigen neuere Behandlungen zur Integration der Vertriebenen in die deutschen Nachkriegsgesellschaften, dass der Umgang mit und das Verhalten von Vertriebenen mehr Parallelen als Unterschiede zu anderen Migrantengruppen aufweist.

Inhaltsverzeichnis
Buch-Tipp: Das Jahr der Wölfe. gutes buch dieses buch ist sehr gut geschrieben. . . klar, ist ja auch vom fährmann!!!man erfährt eine menge über die deutsche geschichte,was übrigends auch auf die anderen bücher der bienmenn-saga zutrifft. . . und so weiter. das spricht ja alles so füa 5 sterne,aber:. . . zu kurz und zu trauriges ende(doch dafür ist's sehr realistisch). ....

Vertreibungen in dem 20. Jahrhundert

Zu den bekanntesten Vertreibungskomplexen des 20. Jahrhunderts zählen:

  • Afrika: Bereits vor der europäischen Kolonialherrschaft haben sich Völker in Afrika gegenseitig bekriegt, wobei es auch zu Vertreibungen kam; dies setzte sich während und nach der Zeit der Kolonialherrschaften fort, so zu dem Beispiel in Ruanda in den 1990er Jahren
  • Deutschland: Vertreibung slawischer Völker aus Teilen der von Deutschland überfallenen Länder und der ehemals deutschen Ostgebiete.
  • Griechenland und Türkei: Vertreibung der gegenseitigen Minderheiten in der Folge des Ersten Weltkriegs und der Etablierung der Türkischen Republik
  • Indien: Bei Erreichen der Unabhängigkeit von Großbritannien und der Etablierung von Pakistan und der Indischen Union wurden teilweise Hindus und Moslems aus den mehrheitlich von Angehörigen der anderen Religionsgemeinschaft besiedelten Gebieten vertrieben.
  • Jugoslawien: Die als 'ethnische Säuberungen' bekannt gewordenen Vertreibungen innerhalb des ehemaligen Jugoslawiens in den 1990er Jahren
  • Maßnahmen unterschiedlicher Härte, mit denen Minderheiten nachdem Ersten Weltkrieg die Aussiedlung nahegelegt wurde, zu dem Beispiel der Deutschen aus den nach Versailles polnisch gewordenen Gebieten
  • Sowjetunion: Erzwungene Umsiedlung von Völkern, die als politisch unzuverlässig angesehen wurden, durch Stalins Regierung
  • Zweiter Weltkrieg: Vertreibung von Deutschen aus Teilen Osteuropas, besonders aus Polen
Buch-Tipp: Der Untergang der Gustloff Die Beschreibung für das Buch "Der Untergang der Gustloff" fehlt leider. Weitere informatione finden Sie auf der Seite des Buchhändlers. Klicken Sie dafür auf den Link über diesem Text. Die Seite des Händlers öffnet sich in neuem Fenster.

Die Vertreibungen nachdem Zweiten Weltkrieg

Im europäischen und vor allem deutschen Kontext wird unter dem Stichwort "Vertreibung" vor allem die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa nachdem Zweiten Weltkrieg verstanden. Der gesamte Komplex wird häufig ausschließlich in dem Zusammenhang der Diktaturen von Hitler und Stalin gesehen werden, gehört aber zur Nachgeschichte des Ersten Weltkrieges und der Durchsetzung des Nationalstaatsprinzips in den Pariser Vorortverträgen (Versailler Vertrag):

  • die oben erwähnten Deportationen unter sowjetischer Herrschaft, unter anderem in dem Baltikum 1940 oder die Auflösung der Wolgarepublik 1941;
  • die Vertreibung eines Teils der Juden aus Deutschland durch stets weitergehende Formen der Ausgrenzung seit 1933 bis etwa 1938; danach wurden die Juden ermordet;
  • die durch Hitler und Mussolini vereinbarte gegenseitige Umsiedlung der Südtiroler, die sich zwangsweise für Deutschland oder Italien entscheiden mussten, in die jeweiligen eigenen Gebiete.
  • die durch Hitler und Stalin 1939 vereinbarte Aussiedlung von Deutschen aus Gebieten unter sowjetischer Herrschaft sowie dem Balkan;
  • die deutsche Besiedlung von zuvor polnischen Gebieten in dem Zweiten Weltkrieg ("Warthegau");
  • die Umsiedlung der polnischen Bevölkerung aus den von der Sowjetunion in dem Zuge der Regelungen nachdem Zweiten Weltkrieg beanspruchten polnischen Ostprovinzen in die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches
  • schließlich die genannte Flucht und Vertreibung der Deutschen.

Bereits ab Sommer 1941 forderten die polnische und tschechische Exilregierung in London Grenzkorrekturen nachdem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Dies bedeutete ausdrücklich eine Entfernung der deutschen bzw. deutschsprachigen Bevölkerung aus diesen Gebieten wie auch aus dem restlichen Staatsgebiet. Die Motive für diese Forderung waren vielfältig: Zu dem einen sollten die geforderten Gebiete eine gewisse Enschädigung für die Verluste an Gütern und Menschen während der Besatzungszeit bieten wie es vor allem die polnische Exilregierung in London forderte. Zu dem anderen Absichtte insbesondere Stalin auf eine Verkürzung ihrer Westgrenze, um sie – in dem Falle einer neuerlichen Angriffs – leichter gegen Deutschland verteidigen zu können. Die Entfernung der Deutschen wurde einerseits mit ihrem Verhalten während der Besatzung begründet, andererseits mit dem Prinzip des ethnisch einheitlichen Nationalstaates. Hinzu kam, insbesondere in Polen, die Absicht einer sozioökonomischen Bereinigung und Sanierung der Wirtschaftsstruktur. Weite Gebiete Ostmitteleuropas galten spätestens seit den dreißiger Jahren als "überbevölkert". Die Aussiedlung der Deutschen und (im Falle Polens) die Gebietserweiterung in dem Westen und Norden sollte vor allem dazu dienen, "überschüssige" Menschen neu ansiedeln zu können.

Bereits auf der Konferenz von Jalta setzte Stalin die Abtrennung der bereits 1939 bis 1941 sowjetisch besetzten polnischen Ostgebiete an die UdSSR durch, was zu der fälschlichen Annahme geführt hat, die Annexion der ehemaligen preußischen Ostprovinzen durch Polen sei von Anfang an als ein Ausgleich für den Verlust in dem Osten gedacht gewesen. Diese Erklärung wurde erst deutlich später Teil der sowjetischen Rechtfertigungspolitik. Tatsächlich aber unterschieden sich die Gebietsforderungen der Exilregierung vom Programm der polnischen Kommunisten ca. unwesentlich. In dem Potsdamer Abkommen 1945 wurden die neuen Staatsgrenzen in Europa von den Aliierten vorläufig festgeschrieben, wobei die den bürgerlich-antikommunistischen Exilregierungen gegebene Zusage zur Aussiedlung der Deutschen nun, angesichts des wachsenden Einflusses der Kommunisten in Polen und der Tschechoslowakei, nicht mehr zu gelten schien. Der Text des Potsdamer Abkommens enthält daher ca. wenige klare Formulierungen: Er bot der polnischen und tschechoslowakischen Regierung und ihrem Verbündeten Stalin die Möglichkeit, die bereits angelaufenen Zwangsaussiedlungen als vereinbart zu betrachten, und den Westalliierten die in dem Frühjahr 1946 auch genutzte Chance, sich auf die Behauptung zurückzuziehen, so sei es nicht gemeint gewesen. Die Umsiedlungen sollten in einer 'humanen' Art geschehen; tatsächlich führte die internationale Kontrolle dazu, dass die Zwangsaussiedlung in wesentlich geordneterer Form vor sich ging als in den Wochen und Monaten vor der Konferenz. Dennoch kam es auch danach noch zu zahlreichen Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung.

Bei den Vertreibungsgebieten handelte es sich um:

  • an Polen durch die Alliierten zuerkannte Teile des ehemaligen Deutschen Reiches und Danzigs, wie (das südliche) Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, der Neumark Brandenburg, Schlesien;
  • den nördlichen Teil Ostpreußens, von Stalin der russischen Teilrepublik zugesprochen;
  • Gebiete, die seit 1919 dem Deutschen Reich abgesprochen wurden, in denen aber nach wie vor viele Deutsche lebten (beispielsweise das östliche Oberschlesien);
  • deutsche Siedlungsgebiete in den baltischen Staaten;
  • das Sudetenland, also die nördlichen und westlichen Ränder des tschechischen Landesteils der Tschechoslowakei;
  • Gebiete der damaligen Sowjetunion, neben einer weitläufigen Streubesiedlung vor allem die deutsche "Wolga-Republik";
  • die Länder Südosteuropas, wie Ungarn und Jugoslawien.

Es gab ungefähr 15 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene. Ihre Aufnahme verlangte von Bundesrepublik und der DDR (sowohl in dem Westen als auch in dem Osten) in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren eine große Integrationsleistung. Durch die Bevölkerungsverschiebungen in dem großen Maßstab verdoppelten einige Länder, zu dem Beispiel Mecklenburg ihre Einwohnerzahl, vormals konfessionell homogene Regionen mit starken eigenen Traditionen, zu dem Beispiel Oberbayern und die Lüneburger Heide, besaßen nun große Bevölkerungsgruppen mit einem anderen Lebensstil und konfessioneller Prägung. Zu dem Teil kam es zu ganzen Stadt- und Ortsneugründungen wie Espelkamp, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried oder Kaufbeuren-Neugablonz.

In den von Deutschen verlassenen Gebieten Polens wurden unter anderem ebenfalls umgesiedelte Polen aus dem ehemaligen Ostpolen (der Region Wilna, der westlichen Hälfte des heutigen Weißrussland, Wolhynien und Galizien) angesiedelt. Hinzu kamen unzählige polnische Zwangsarbeiter, die nun mit der Westverschiebung ihres Heimatlandes heimatlos geworden waren und nun in für sie fremden Regionen sesshaft werden mussten. Die von den Polen in dem Osten verlassenen Gebiete waren vor dem Krieg dicht besiedelt und wurden von einem Völkergemisch bewohnt. Heute wohnen in diesen nun dünn besiedelten Gebieten nachdem Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und der Vertreibung der Polen, die dort meistens die Oberschicht stellten, fast ausschließlich noch Weißrussen, Litauer, Ukrainer und Russen.

In der an die Sowjetunion gefallenen Oblast Kaliningrad (bis 1945 das nördliche Ostpreußen mit Königsberg) wurden ebenfalls umgesiedelte Russen, Weißrussen und Ukrainer angesiedelt. Vielfach strandeten auch ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter auf dem Weg aus Deutschland nach Russische Förderation in dem ehemaligen Nordostpreußen, da sie unter Umständen zu Hause ein Prozess wegen Landesverrats erwartete.

Im Sudetenland wurden vor allem Tschechen aus dem Landesinneren, Slowaken und Sinti und Roma angesiedelt. Hinzu kamen viele als "Repatrianten" genannte Tschechen, die aus Familien stammten, die früher mal nach Frankreich, Polen oder die Vereinigte Staaten Amerika ausgewandert waren.

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Die Motive für die Vertreibungen

Hinter den Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten standen mindestens zwei Hauptursachen:

1. Die nationalsozialistische Expansions- und Ausrottungspolitik während des Zweiten Weltkriegs hat die bereits belasteten, aber stets noch tragfähigen Beziehungen zwischen Deutschen und anderen Volksgruppen in Mittel- und Osteuropa, von Grund auf zerstört. Die als "Untermenschen " angesehenen und behandelten Völker wurden durch diese Politik in eine Position getrieben, in der ca. noch der bewaffnete, aber vom damaligen Kriegsrecht nicht gedeckte Partisanenkampf gegen die deutschen Aggressoren als Mittel der Selbstverteidigung blieb. Mit der sich abzeichnenden militärischen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands bekamen die mit Ausrottung bedrohten Völker die Gelegenheit, sich für die ihnen zugefügten Verbrechen zu rächen. Der Besitz der Vertriebenen wurde dabei enteignet, konfisziert oder geplündert, so dass auch diese ökonomische Seite der Vertreibung, der Raubzug und die BereicherungsZiel, zu den eigentlichen Vertreibungsmotiven gezählt werden muss.

2. Für einige der ost- und mitteleuropäischen (kommunistischen) Regierungen waren die Vertreibungen der Deutschen eine Gelegenheit, ihre Macht zu festigen (insbesondere in der späteren ČSSR). Es sollte aber auch der Kriegsvermeidung dienen. Mit der Vertreibung der Deutschen schufen einige der kommunistischen Nachkriegsregierungen außerdem national homogene Staatswesen und wollten sich so vieler Konflikte der Vorkriegszeit, die auf dem multinationalen Charakter dieser Staaten als Vielvölkerstaaten beruhten, entledigen.

3. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die jeweiligen Bevölkerungsteile in diesen Staaten häufig zur Destabilisierung des jeweils anderen Gebiets instrumentalisiert und ließen sich instrumentalisieren (wie etwa die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins). In der Logik der Zeit wollte man künftige solche Gefährdungen ausschließen.

Insgesamt rechnet man, dass in dem 20. Jahrhundert global ungefähr 50 Millionen Menschen vertrieben worden sind, manche sogar mehrmals innerhalb ca. einer Generation.

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